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Phänomenologie und Theoretische Philosophie

Die theoretische Philosophie erforscht den Aufbau und die Erkenntnis der Wirklichkeit. Sie sucht nach einer Antwort auf Fragen wie: Welche Arten von Dingen kommen in der Wirklichkeit vor?“; „Was ist mit dem Sein dieser Dinge gemeint?“ und „Wie können wir diese Dinge erkennen?“ Diese Fragen werden in der theoretischen Philosophie sowohl in ihrer historischen als auch in ihrer systematischen Dimension behandelt. Es geht in der theoretischen Philosophie darüber hinaus darum, die Beziehungen von Materie, Leben und Geist zu thematisieren, die Seinsbereiche von Natur und Geschichte in ihrem Verhältnis zueinander aufzuklären sowie die Seinsgrundlagen von Handlung, Freiheit und Selbst zu bestimmen. Die theoretische Philosophie umfasst Disziplinen wie Metaphysik, Transzendentalphilosophie, Erkenntnistheorie und Philosophie des Geistes; in erweitertem Sinne gehören auch Disziplinen wie Logik, Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie hierher, die aber an der Bergischen Universität – wie auch an vielen anderen Universitäten – das Arbeitsfeld einer eigenständigen Professur bilden.

 

Der Arbeit an diesen Denkströmungen – insbesondere der Transzendentalphilosophie, der Klassischen Deutschen Philosophie und der Phänomenologie – dient das Institut für Transzendentalphilosophie und Phänomenologie, das eine Forschungsplattform darstellt, die Tagungen, Seminare und Worshops ausrichtet, internationale Kooperationen verwirklicht und der Forschungstätigkeit von Doktoranden und Doktorandinnen mit einschlägigen Dissertationsprojekten einen Rahmen absteckt.

 

Im Bachelorstudium der Philosophie wird die theoretische Philosophie im Ausgang von der Phänomenologie in Form von Vorlesungen und Seminaren in den Modulen PH I (Einführung in die Philosophie), PH V (Theoretische Philosophie I: Metaphysik und Transzendentalphilosophie), PH VI (Theoretische Philosophie II: Natur und Geschichte) und PH VIII (Phänomenologie und Hermeneutik) angeboten. Das Masterstudium der Philosophie hat an der Bergischen Universität den Schwerpunkt Metaphysik und Phänomenologie. Vor allem die Veranstaltungen im zweiten Basismodul (Die Phänomenologie in der Gegenwartsphilosophie) und im ersten Aufbaumodul (Phänomenologie, Epistemologie und Ontologie) dienen dazu, den Ertrag eines phänomenologischen Zugangs zur theoretischen Philosophie deutlich zu machen.

Nachruf auf Prof. Dr. László Tengelyi

Prof. Dr. László Tengelyi (1954-2014)

Prof. Dr. László Tengelyi ist am 19. Juli im Alter von 60 Jahren überraschend verstorben. Der Philosoph ungarischer Herkunft war ab 2001 Professor für Phänomenologie und theoretische Philosophie an der Bergischen Universität Wuppertal. Die Bergische Universität verliert mit ihm einen herausragenden und weltweit anerkannten Vertreter des Faches Philosophie. Das Philosophische Seminar ist bestürzt über den Tod eines geschätzten Kollegen, der vielen auch Lehrer und Freund war.

Der gebürtige Budapester László Tengelyi studierte Philosophie, klassische Philologie und Geschichte an der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest. 1986 promovierte er mit der Doktorarbeit „Autonomie und Weltordnung. Kant über das Fundament der Ethik“. 1995 folgte seine Habilitationsschrift mit dem Titel „Schuld als Schicksalsereignis. Das Böse bei Kant und in der nachkantischen Philosophie“.

László Tengelyi war viele Jahre als Dozent und Professor an der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest tätig, bevor er 2001 den Lehrstuhl für Phänomenologie und theoretische Philosophie in Wuppertal übernahm. Als Inhaber dieser Professur hat er die phänomenologische Tradition in Wuppertal mit großem Einsatz und Erfolg fortgeführt, gestärkt und erweitert. Gastprofessuren führten ihn an Universitäten in Frankreich (u.a. an die Sorbonne), Belgien, den USA, Kanada, Mexiko und China. Forschungsschwerpunkte von László Tengelyi waren die Antike Philosophie, Kant und der deutsche Idealismus sowie die deutsche und französische Phänomenologie.

In zahlreichen Monographien und Aufsätzen hat László Tengelyi sein Forschungsfeld vorangebracht. Hervorzuheben sind die in mehrere Sprachen übersetzte Monographie Der Zwitterbegriff Lebensgeschichte (München 1998), das Buch Erfahrung und Ausdruck. Phänomenologie im Umbruch bei Husserl und seinen Nachfolgern (Dordrecht 2007), die beiden französischsprachigen Aufsatzsammlungen L’expérience retrouvée. Essais philosophiques I (Paris 2006) und L’expérience de la singularité. Essais philosophiques II (Paris 2014) sowie das gemeinsam mit Hans-Dieter Gondek verfasste Standardwerk über die jüngere französische Phänomenologie Neue Phänomenologie in Frankreich (Berlin 2011). Kurz vor seinem Tod hat er ein großes Werk zur Metaphysik vollendet, dessen Erscheinen für den 31. Juli 2014 angekündigt ist: Welt und Unendlichkeit. Zum Problem phänomenologischer Metaphysik.

2005 gründete László Tengelyi das Institut für phänomenologische Forschung an der Bergischen Universität, dessen Direktor er seitdem war. Auf seine Initiative ist die Bergische Universität seit 2006 an dem ERASMUS-Mundus-Masterstudiengang „Deutsche und Französische Philosophie in Europa“ beteiligt, der durch die Universität Toulouse organisiert wird. Er hatte stets einen großen Kreis von Doktoranden um sich, die aus der ganzen Welt nach Wuppertal kamen, um bei ihm zu promovieren; zuletzt waren es ungefähr 35 Doktoranden.

Von 1995 bis 2002 war László Tengelyi Mitglied des Präsidiums der Ungarischen Gesellschaft für Philosophie, von 2003 bis 2005 Präsident der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung, ab 2005 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat. László Tengelyi begleitete wissenschaftlich unter anderem die Zeitschriften „Husserl Studies“, „Phänomenologische Forschungen“ und „Annales de phénoménologie“ und war Mitherausgeber der Buchreihen „Phänomenologie und praktische Philosophie“ sowie „Contemporary Studies in Phenomenology“.

Im Januar 2011 machte László Tengelyi in Deutschland mit einem offenen Brief darauf aufmerksam, dass ungarische Philosophen wie Ágnes Heller, Mihály Vajda und Sándor Radnóti nach Kritik am neuen Ungarischen Mediengesetz einer Medienkampagne ausgesetzt waren.

Das Philosophische Seminar der Bergischen Universität Wuppertal ist bestürzt über den plötzlichen Tod seines Kollegen, der vielen Freund und Lehrer in einer Person war. Wir denken mit großem Respekt an sein außergewöhnliches Engagement in der Betreuung wissenschaftlicher Arbeiten und in der persönlichen Unterstützung junger Forscherinnen und Forscher. Sein letztes Werk, die in diesen Wochen erscheinende Studie Welt und Unendlichkeit. Zum Problem phänomenologischer Metaphysik, sollte der Beginn einer neuen Arbeitsphase sein. Sie wird vielen nun als Summe seines Schaffens und als ein Vermächtnis erscheinen.